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11. Dezember 2007, 04:00 Uhr
Von Alexandra Maschewski
Eine deutsche Heldengeschichte
Für fast sechs Millionen Euro dreht Regisseur Roland Suso Richter die Geschichte der "Landshut"-Entführung in fiktionaler Form
Der Teppichboden der Lufthansa-Maschine starrt vor Dreck. Zigarettenasche, Taschentücher, Orangenschalen, leere Flaschen, Damenstrumpfhosen, ein Bussi-Bär-Heft. Zertreten, zerknüllt, zerrissen. Dunkle Flecken auf den gelben Sitzpolstern, irgendwo liegt eine Bild-Zeitung. Schlagzeile: "Frau Schleyer: Halt aus, wir brauchen dich." Und ein paar Meter weiter dann der Schrank, in den die Leiche von Jürgen Schumann, Flugkapitän der "Landshut", gesteckt wurde, damit der Geruch in der Hitze nicht noch unangenehmer wurde.
Man meint, einen Anflug der Beklemmung zu spüren, die damals zwischen dem 13. und dem 18. Oktober 1977 unter den 87 Geiseln geherrscht haben muss, nachdem vier palästinensische Terroristen die Boeing 737, die eigentlich von Mallorca nach Frankfurt fliegen sollte, in ihre Gewalt gebracht hatten. Und doch ist alles nur Kulisse. So wie der Tower, auf dem der abgeblätterte Schriftzug "Mogadiscio Welcome" zu lesen ist, wenn man aus dem Flugzeugfenster schaut. Seit Ende Oktober wurde in Bonn, Ulm, München und Berlin der ARD-Spielfilm "Mogadischu" gedreht, nun ist man auf dem alten Flughafen von Casablanca. Letzte Woche hatte man die Erstürmung der Maschine in Szene gesetzt, deren Schicksal im Oktober vor genau 30 Jahren zusammen mit der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer die Republik in Atem hielt. Drei der vier Terroristen waren dabei erschossen worden, Schleyer wurde am nächsten Tag umgebracht.
Die echte "Landshut" ist heute noch als Frachtflugzeug in Südamerika unterwegs. Es war eine baugleiche Schulungsmaschine der Royal Air Maroc, nun originalgetreu umgespritzt, die das Filmteam nach Marokko führte. Ein Umstand, der sich für die Crew um Regisseur Roland Suso Richter als Glücksfall erwies, bietet doch das große Gelände, auf dem bald Villen gebaut werden sollen, genug Platz, um die vielen Stationen der Entführung abzubilden. Rom, Zypern, Bahrein, Dubai, Aden und schließlich Mogadischu in Somalia - hier alles nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Der passende Hintergrund wird künstlich mit Hilfe von "Rücksetzern", eine Art aufgespannte Fototapete, oder mittels digitaler Technik erzeugt. Eine Hydraulik unter der Maschine simuliert Bewegung, denn die Film-"Landshut" kann vieles, aber fliegen kann sie nicht.
Zehn Jahre nach Heinrich Breloers hochgelobtem Doku-Drama "Todesspiel" wird die Geschichte der "Landshut" zum ersten Mal in fiktionaler Form dargestellt. Das, was diesen Film in den Augen der Beteiligten so besonders macht, beschreibt Schauspielerin Nadja Uhl mit dem Begriff "Ensembleleistung". Sie ist es, die die Stewardess Gabi Dillmann spielt. "Die Dreharbeiten in der Maschine waren unglaublich intensiv", sagt Uhl. "Manchmal herrschten 45 Grad, und wenn man in die Gesichter der Komparsen sah, dann sah man reale Erschöpfung, man sah reale Tränen. Alles war zu fühlen, zu riechen, zu schmecken. Alles. Das ist Kino. Von der Machart und von den Darstellern." Regisseur Suso Richter und sein kongenialer Kameramann Holly Fink, stundenlang mit der schweren Handkamera in der engen Maschine unterwegs, haben die Schauspieler bewusst an die Grenzen getrieben. Haben Sequenzen acht oder neun Minuten lang durchspielen lassen, verschiedenste Perspektiven eingenommen, alle zur Improvisation gezwungen. Haben der Darstellerin, die in einer Szene von Chef-Terrorist "Captain Mahmud" mit dem Tode bedroht wird, nicht gesagt, dass sie an diesem Tag an der Reihe sein wird. "Nach fünf oder sechs Tagen waren alle im Flugzeug sehr dünnhäutig", sagt Suso Richter.
Teamworx-Produzent Nico Hofmann, der für "Die Flucht" gerade mit dem Bambi ausgezeichnet wurde, spricht mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit von einem "neuen Realismus". Er will weg vom Melodram, weg vom herkömmlichen Event-Fernsehen, das er doch mit Produktionen wie "Die Sturmflut" oder "Dresden" so maßgeblich geprägt hat.
Dazu gehört, dass man sich Zeit nimmt. "Mogadischu" wird frühestens im Frühjahr 2008 ausgestrahlt werden, Monate also nach dem 30. Jahrestag des Ereignisses. Aber bis die Kooperation mit dem Dokumentarfilmproduzenten Maurice Philip Remy, der das Drehbuch zusammen mit Gabriela Sperl schrieb und der schon mit dem ZDF liebäugelte, beschlossene Sache war, hat es nun einmal gedauert. Jahrelang hat dieser Aufzeichnungen gesichtet, hat Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Mit der Schumann-Witwe genauso wie mit der Frau, der ihr eigener Mann das Wasser wegtrank. Remy hat sich mit GSG9-Chef Ulrich Wegener, im Film Herbert Knaup, genauso unterhalten wie mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, mit dem Christian Berkel dank einer erstaunlichen Maske manchmal fast erschreckende Ähnlichkeit hat. Remy will der "Wahrheit so nah wie möglich kommen" und ein neues Licht auf die Ereignisse werfen. Nicht vom Gefängnis Stuttgart Stammheim, in dem die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe einsaßen und nach der Befreiung der "Landshut" Selbstmord begingen, sei die Entführung ausgegangen. Außerdem sei der Anführer der palästinensischen Terroristen, Wadi Haddad, Agent des KGB gewesen.
Maßgeblicher für den Film ist jedoch die Rolle des Piloten Jürgen Schumann, für dessen Verkörperung Remy sich Thomas Kretschmann gewünscht und auch bekommen hat. Jahrzehnte habe die Frage im Raum gestanden: Wollte Schumann weglaufen, als er in Aden die Maschine verließ, um nach der Notlandung das Fahrgestell zu untersuchen? "Dabei hat er etwa zehn Minuten mit dem jemenitischen Offiziellen, Scheich Ahmed Mansur, gesprochen und darum gebeten, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen." Obwohl er wissen musste, dass dies sein Todesurteil war. Die geschichtlichen Zusammenhänge dieser "mehrfachen deutschen Heldengeschichte", wie Hofmann sie nennt, sie sind nicht eben unkompliziert. Am selben Abend, an dem der voraussichtlich anderthalbstündige und fast sechs Millionen teure Film ins Fernsehen kommen wird, soll auch die Dokumentation ausgestrahlt werden, an der Remy gerade arbeitet.
Ein weiterer Zeitzeuge ist auch am Set anwesend. Der 65-jährige Herr mit dem freundlichen Gesicht, der neben seiner Lebensgefährtin auf einem weißen Plastikstuhl im hellen afrikanischen Sonnenlicht sitzt, ist Jürgen Vietor, damals Co-Pilot von Schumann. Nach dessen Ermordung musste er die "Landshut" fliegen. "Als mir eine Regieassistentin vom Beginn der Dreharbeiten erzählte, hab ich gefragt: Soll ich mal kommen?" Seit drei Wochen ist er jetzt hier, und man spürt, dass Vietor sich darüber freut, eine Hilfe sein zu können. Vor allem für Kretschmann und Simon Verhoeven, der ihn selbst spielt. In den ersten zehn Jahren nach der Entführung hatte sich niemand für seine Sicht der Dinge interessiert. Bereits im Dezember 1977 war er wieder geflogen, gleich der erste Einsatz wieder in der "Landshut". Ob ihn der Dreh emotional aus dem Gleichgewicht gebracht habe? "So tragisch kann ich Ihnen das leider nicht bieten", sagt Vietor, der damals doch zweimal erschossen werden sollte. "Wir hatten Glück, wir konnten agieren. Die Passagiere mussten nur erdulden. Professionelle Hilfe habe ich später nicht in Anspruch genommen, ich hab mich voll in den Hausbau gestürzt."
Es ist der letzte Drehtag von Nadja Uhl, und auch Jürgen Vietor will Casablanca am nächsten Tag verlassen, um noch mehr von Marokko zu sehen, als einen alten Flugplatz in einer unansehnlichen Industriestadt. Die Gabi-Darstellerin bittet Vietor, die echte Gabi zu grüßen. Denn sprechen durfte Uhl nicht mit ihr. Dillmann hat eine Abmachung mit einem anderen Filmprojekt.

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