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<Spielfilm>
Der wahre Held der „Landshut“





01. Dezember 2007 Manche Geschichten brauchen länger. Sie brauchen einen längeren Atem desjenigen, der sie erzählt, und sie brauchen die Bereitschaft, zu begreifen. Diese Geschichte brauchte dreißig Jahre, erzählt zu werden. Weil sich so lange kein Erzähler fand, der die kollektive Wahrnehmung in Zweifel zog und die richtige Frage stellte. Die Geschichte handelt von einem der dramatischsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, von einer Erpressung des ganzen Landes und von einer Flugzeugentführung, von der wir alles zu wissen glauben. Und sie handelt - vor allem - von einem blinden Fleck.

Es ist die Geschichte der Lufthansa-Maschine „Landshut“, die am 13. Oktober 1977 von vier palästinensischen Terroristen auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt entführt wird. Nach dramatischen Stationen landet sie am 17. Oktober in Mogadischu. Kurz nach Mitternacht stürmt ein GSG-9-Kommando das Flugzeug; alle Geiseln werden befreit, drei der vier Entführer werden erschossen. Die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erfahren davon und begehen in ihren Zellen Selbstmord.

Am 19. Oktober gibt die RAF bekannt, dass der in Köln entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer getötet worden sei. Seine Leiche wird in einem Waldstück nahe der französischen Stadt Mulhouse gefunden. Aus Bagdad, wo sich führende RAF-Kader um den „Terrorpaten“ Wadi Haddad versammelt hatten, war der Befehl ergangen, Schleyer zu töten. Den Kapitän der „Landshut“, Jürgen Schumann, hatte der Anführer des Kommandos, der sich „Kapitän Mahmud“ nannte, bei der Zwischenlandung im südjemenitischen Aden am 16. Oktober ermordet.

Was tat der Kapitän, als er das Flugzeug verließ?

Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt hatte sich nicht erpressen lassen. In der Freude über das Ende dieser Terrorakte aber ging unter, dass zwei Familien keinen Grund hatten zu feiern: die Schleyers und die Schumanns. Der Erzähler und Rechercheur, dem wir zu verdanken haben, dass dreißig Jahre nach dem Geschehen endlich eine Frage beantwortet wird, die offenblieb, heißt Maurice Philip Remy. Er zählt zu jener raren Spezies besessener Dokumentarfilmer, denen das Fernsehen seine größten Momente verdankt. Weil sie es wissen wollen, koste es Zeit, Arbeit und Geld, was es wolle. Remy hat zu zahlreichen Themen gearbeitet, zu zeithistorischen und aktuellen, für die ARD und fürs ZDF, er ist Rommel-Experte, zuletzt sahen wir von ihm die Reihe „Offiziere gegen Hitler“.

Seit zwölf Jahren trieb ihn bei seinen Recherchen eine Frage um: Was hat Jürgen Schumann, der Kapitän der „Landshut“, gemacht, als er in Aden das Flugzeug verließ? Er wollte die Maschine inspizieren, weil nach der Notlandung im Sand neben der Landebahn, die jemenitische Truppen mit Lastwagen verstellt hatten, nicht klar war, dass die Landshut noch weiterfliegen konnte. Fünfzehn bis zwanzig Minuten blieb er weg - etwas zu lange, um die Technik zu prüfen. Wollte er türmen?

Das ist die Mutmaßung, die seit damals vagabundiert, Journalisten haben sie immer wieder fortgeschrieben. Maurice Philip Remy tat das nicht. Er versuchte vielmehr zu rekonstruieren, was sich in den quälenden Stunden der Entführung genau zugetragen hat. Dabei begnügte sich Remy nicht mit den bekannten Zeugnissen, die etwa Heinrich Breloer für seinen vor zehn Jahren gedrehten Zweiteiler „Das Todesspiel“ versammelte. Drei Anläufe unternahm Remy, um herauszufinden, was Jürgen Schumann in Aden aufgehalten hatte. Dann fand er es heraus.

Aus den Recherchen wird ein Spielfilm

Sein Büro, an der Prinzregentenstraße in München, ist eine Arbeitshöhle. Remy sitzt hinter einem eichenen Schreibtisch und raucht. Bücher und Akten stapeln sich bis unter die Decke. Draußen matschregnet es, Novemberstimmung. Remy hat sich schon lange vor dem dreißigjährigen Jubiläum um den Herbst 1977 gekümmert. Er hat bei der Bundesregierung nach Akten gefragt, bevor andere sie sehen wollten, und er hat sie - nicht bekommen. Was in den Iden des Oktober 1977 geschah, bleibt unter Verschluss, als Staatsgeheimnis. Worüber sich Remy nicht wenig aufregt. Für eine Demokratie, sagt er, sei dies ein beschämender Umgang mit der Wahrheit. In puncto Transparenz könne man von den Amerikanern viel lernen. Und bei uns? „Ein einziger Graubereich.“

Doch Remy hat sich Quellen erschlossen, die ihn zunächst auf die Spur des palästinensischen Terrorpaten Wadi Haddad führten. Haddad stand, wie man heute weiß, in Diensten des KGB. Im März 1977, wenige Wochen vor der Ermordung des Generalbundesanwalts Buback, weilte Haddad in Moskau, er war der große Organisator des Linksterrorismus in Europa und Asien, nicht weniger als neun Flugzeugentführungen gehen auf sein Konto. Die Kaperung der „Landshut“ sollte sein Meisterstück werden, doch sie geriet zum Fiasko. Wenige Monate nach Mogadischu starb Haddad - in einem Krankenhaus in Ost-Berlin, angeblich an Herzversagen.

Der KGB, die Palästinenser, die RAF, die Urlaubermaschine, ein toter Kapitän: Der Rechercheur Remy fügte einen Baustein zum andern - für einen Dokumentarfilmer nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, dass aus seinen Recherchen ein Spielfilm wird: „Mogadischu“, im nächsten Frühjahr zu sehen in der ARD, produziert von Gabriela Sperl und Nico Hofmann und der Firma Teamworx.

Einsamer Kampf gegen die Entführer gefochten

Sie drehen in diesen Tagen nach einem Buch, von dem Remy neun Fassungen gefertigt hat, bis es passte. In einem Hangar im alten Flughafen von Casablanca steht die „Landshut“ nun, eine ausgemusterte 737 der Royal Air Maroc, frisch umgespritzt in den Farben der Lufthansa. Hier setzen der Regisseur Roland Suso Richter und der Kameramann Holly Fink den Terror in Szene. Im Flugzeug sind es 45 Grad, die Luft ist unerträglich, unter den Sitzen türmt sich der Müll.

Das ist die Methode des Regisseurs Richter: Er schafft Räume, in denen die Schauspieler gar nicht aus ihrer Rolle fallen können. Das war bei der Feuersbrunst so, die Richter bei den Dreharbeiten zu „Dresden“ entfachte, und das ist jetzt, in Casablanca, nicht anders. Fünfzehn Stunden am Tag schuftet der Kameramann Holly Fink, ein sensibler Berserker, mit der Handkamera, schaut den Protagonisten über die Schulter und in die Gesichter. Nadja Uhl spielt die Stewardess Gaby Dillmann, der Schauspieler Saïd Taghmaoui verkörpert den sadistischen „Kapitän“ Mahmud. Mit Thomas Kretschmann, der Schumann spielt, liefert er sich einen Zweikampf auf Leben und Tod.

Der Kapitän, das erkennt man während der Dreharbeiten, hat einen einsamen Kampf gegen die Entführer gefochten. Er hat die Informationen nach draußen geschmuggelt, die der GSG 9 verrieten, dass es sich um vier Entführer handelte und wie sie bewaffnet waren. Gleich nach der Erstürmung hat der Kommandeur der GSG 9, Ulrich Wegener, das hervorgehoben. Einmal bestellte Schumann aus dem Cockpit vier Stangen Zigaretten - „zwei von der einen, zwei von der anderen Sorte“ -, die Verfolger interpretierten richtig, dass zwei Männer und zwei Frauen das Geiselkommando bildeten.

Angewidert vom Täterkult

Und dieser Mann, der dem jähzornigen Mahmud Paroli bot - der ihm permanent die Pistole ins Gesicht hielt, mehrmals drohte, ihn zu töten, Passagiere quälte, nach Juden suchte und eine Selektion vornahm -, sollte fliehen wollen? Für Maurice Philip Remy passte das nicht und auch nicht für Monika Schumann, die Frau des ermordeten Piloten. Wer sie besucht, trifft keine verbitterte Witwe, sondern eine starke Frau, die als Redakteurin achtzehn Jahre lang beim Hessischen Rundfunk gearbeitet hat. Eine Frau, die nach Oslo reiste, um die überlebende Terroristin Souhaila Andrawes zu treffen, die sich als Opfer darzustellen suchte und sich an ihr sadistisches Verhalten bei der Entführung nicht erinnern wollte. Eine Frau, die es angenommen hat, dass ihr Mann gestorben ist, weil er bis zuletzt aufrecht die Verantwortung für die Passagiere und die Crew trug.

Was sie nicht hinnimmt, ist die Gleichgültigkeit, die Fixierung auf die Täter, der Verzicht darauf, Schuld zu benennen, wenn es um den Terror geht. Diese Haltung teilt sie mit Remy, den der Täterkult nachgerade anwidert. „Ich kann damit leben, dass er tot ist, aber seine Verantwortung wahrgenommen hat“, sagt Monika Schumann über ihren Mann. „Ich könnte schlecht damit leben, dass er sich auf Kosten anderer gerettet hätte. Damit hätte er auch selbst nicht leben können.“ Das wird ihr von manchen als Härte ausgelegt. In Wahrheit drückt sich darin eine Haltung aus, der Gewalt und dem Unrecht zu widerstehen und sich nicht zu bücken.

„Ich bin sicher, sie werden mich umbringen“


Maurice Philip Remy fand heraus, was Jürgen Schumann in Aden am 16. Oktober 1977 tat: Er verließ das Flugzeug, prüfte das Fahrwerk und ging ins Flughafengebäude, um zu erreichen, dass sie nicht weiterfliegen mussten. Der Mann, mit dem Schumann sprach, den Remy fand und der die Antwort auf die lange offene Frage weiß, heißt Scheich Ahmed Mansur. Er kommandierte als Luftwaffengeneral die Sondereinheit, die damals das Flugzeug umstellt hatte. Schumann, erinnert sich Mansur, der noch heute in Aden lebt, „verlangte, wir sollten auf die Forderungen der Entführer eingehen. Ich sagte ihm: Ich kann jeden anderen Wunsch erfüllen, aber unmöglich den, dass die Passagiere aussteigen und die Entführer von jemenitischem Boden aus verhandeln.“ Schumanns letzte Worte habe er nicht vergessen: „Ich kehre jetzt zurück. Ich bin sicher, sie werden mich umbringen.“ An Bord hatte Schumann keine Gelegenheit mehr, etwas zu sagen, Mahmud brüllte ihn nieder und erschoss ihn sofort.

Es ist elf Uhr abends in Casablanca. Die Schauspieler und das Team verlassen die „Landshut“ mit hochroten Köpfen, erschöpft, aber zufrieden. Sie feiern „Bergfest“ - die Hälfte der Dreharbeiten ist vorüber - und sehen auf einer Leinwand die ersten Szenen. Sie sind von einer realistischen Härte, wie man sie im deutschen Fernsehen selten erlebt. Eine Seifenoper, ein Melodram darf das nicht werden.

„Die Toten haben keine Stimme mehr“, sagt Monika Schumann. Aber sie haben ein Recht, gehört und nicht vergessen zu werden. „Mogadischu“ könnte dazu einen Beitrag leisten, mit einem Schauspieler wie Christian Berkel, der sich dem Bundeskanzler Helmut Schmidt kongenial anverwandelt, mit Herbert Knaup, der die Haltung eines Ulrich Wegener annimmt, und mit Thomas Kretschmann, der jemanden spielt, auf dem, wie der Schauspieler sagt, „die Hoffnungen aller ruhten, von dem alle eine Lösung erwarteten“. Dreißig Jahre hat es gedauert, bis jemand seine Geschichte erzählt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Teamworx

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