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Film Star Portrait
Thomas Kretschmann - Schweigen statt Shakespeare
Von Leif Kramp
4. Sep 2008, 07:59





Thomas Kretschmann ist mit seinen 46 Jahren schon ein alter Hase im Filmgeschäft: Fast 90 Projekte hat er hinter sich. Der gebürtige Dessauer ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es tatsächlich geschafft haben, sich in Hollywood einen Namen zu machen. Erst über den Umweg Los Angeles wurde er auch in Deutschland bekannt: Seine Rollen in Blockbustern wie 'King Kong', 'Der Pianist' oder 'Next' machten ihn zum begehrten Darsteller für ambivalente Figuren. Für ProSieben stand er bis vor Kurzem als Wolf Larsen in der Neuverfilmung des 'Seewolfs' vor der Kamera.

In seinem aktuellen Film 'Wanted' (Kinostart: 04.09.) spielt Kretschmann an der Seite von Jungstar James McAvoy, Morgan Freeman und Angelina Jolie einen Einzelgänger, der einen Feldzug gegen eine jahrhundertealte Gemeinschaft von Kopfgeldjägern führt, zu der er selbst einmal gehört hat. Im Interview spricht Kretschmann über die Lust am Schweigen, seinen Erfolg in Hollywood und verrät, warum Amerika ihn trotzdem manchmal noch ängstigt.

teleschau: Ihr neuer Film scheint eine Kopfschuss-Ästhetik im Actionkino etablieren zu wollen. Halten Sie so viel Brutalität für unterhaltsam?

Thomas Kretschmann: Ich bin zwar kein Filmkritiker und kann daher nicht beurteilen, ob es sich dabei um einen neuen Trend handelt. Die Gewaltdebatte wird aber immer nur in Deutschland geführt. Ich selbst habe den Film gerade zum ersten Mal gesehen. Ich wusste auch gar nicht, auf was ich mich da einlasse, und muss sagen, dass es ein Film ist, den ich mir auch privat gerne anschauen würde. Es war der tollste Film, der mir seit Langem untergekommen ist. Normalerweise habe ich Probleme damit, mir etwas anzuschauen, an dem ich selbst beteiligt war.

teleschau: Warum ist das so?

Kretschmann: Weil ich mein Wissen um die Entstehung des Films, meine Erlebnisse bei den Dreharbeiten schlecht ausblenden und mich gar nicht auf das Leinwandgeschehen konzentrieren kann. Aber diesmal war es anders: Es ist ein perfekter Popcorn-Thriller für Erwachsene, und ich bin stolz, dass ich dabei sein durfte.

teleschau: War Ihnen das bereits beim Lesen des Drehbuchs klar? Solche Filme entstehen ja meist erst am Schneidetisch.

Kretschmann: Ich habe mir natürlich vorgestellt, wie ich es selbst angehen würde. Doch hat das mit dem Endprodukt herzlich wenig zu tun. Obwohl ich einen ganz guten Riecher hatte: Schon während der Dreharbeiten konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dabei eine Mischung aus dem Schlachtenepos '300' und dem Actionthriller 'Mr. & Mrs. Smith' herauskommen würde. Damit lag ich ja auch fast richtig: Große Jungs und ein großes Mädchen in der Sandkiste.

teleschau: Was versprachen Sie sich von dem russischen Regisseur Timur Bekmambetov, der mit 'Wanted' sein Hollywood-Debüt gibt?

Kretschmann: Ich wusste von ihm nur, dass er seinen russischen Actionfilm 'Wächter der Nacht' für unglaublich wenig Geld hergestellt hat, was mich schon sehr beeindruckte. Die Amerikaner haben ihm dann 100 Millionen US-Dollar angeboten, damit er sich mal richtig austoben kann, und das hat er ja nun auch gemacht. Trotzdem hat er sich seine eigene Handschrift erhalten und seine Ästhetik noch weiterentwickelt. Mit der Gewalt im Film habe ich auch gar kein Problem, weil sie immer mit einem Augenzwinkern dargestellt wird. Es ist also kein glatt gebügelter Studiofilm.

teleschau: Wie unterschied sich die Produktion von den sonstigen großen Blockbuster-Drehs?

Kretschmann: Timur hat einfach seinen ganz eigenen Charme. Die Atmosphäre in der Crew ist tatsächlich etwas wärmer als sonst. Als ich mit ihm in den Drehpausen zusammensaß und auch immer mehr Freizeit mit ihm verbrachte, fiel mir wieder ein, wieso ich mich mit Polanski so gut verstand: Weil wir alle Ostler sind. Außerdem ist meine Frau auch Russin, die haben sich daher natürlich auch viel zu erzählen. Timur sitzt neuerdings auch viel bei mir zu Hause herum.

teleschau: 'Wanted' strotzt vor Actionsequenzen, bei denen man sich fragt: Was ist noch echt, was entstand am Computer?

Kretschmann: Alles, was man von mir sieht, habe ich selbst gemacht. Aber natürlich ist es ein tricktechnisch komplizierter Film, und normalerweise gilt die Regel: Je aufwendiger die Spezialeffekte, desto langweiliger ist der Dreh für die Schauspieler. Bei der Verfolgungsjagd saßen wir zwar auf Hängern und nicht in echten Autos, aber die fuhren auch schon recht schnell. Das mit Abstand Anstrengendste waren aber die Aufnahmen, die wir für das große Finale in einem Zug gedreht haben, wo wir ständig an Gurten herumhingen. Davon ist nur leider nur wenig im Film zu sehen, vielleicht gibt es nachher mehr auf der DVD.

teleschau: Sie mussten rennen, kämpfen, in der Luft herumbaumeln: Wie hart haben Sie trainiert?

Kretschmann: Ich habe seit 1995 keinen Fuß mehr in ein Fitnessstudio gesetzt. James McAvoy hat jeden Tag Gewichte gestemmt und Ausdauertraining betrieben. Doch ich war eher phlegmatisch und war auch so arrogant zu behaupten, dass ich das noch von früher vom Leistungssport mitbringe. In einer Szene, in der er hinter mir herrennt, ist mir aber schon aufgefallen, dass er 20 Jahre jünger ist als ich. Wir drehten das eine ganze Nacht lang: Viel Gerenne alles in allem - da habe ich wohl oder übel irgendwann die Zigaretten gemerkt. Dafür durchlief ich ein echtes Waffentraining mit SWAT-Spezialisten.

teleschau: Welche Fehler machen Schauspieler denn gewöhnlich beim Umgang mit Waffenattrappen?

Kretschmann: Beim 'Tatort' hält keiner seine Waffe richtig. Wenn ich eine Waffe in der Hand halte, möchte ich nicht darüber nachdenken müssen, ob ich die richtig halte, und zweitens soll es noch cool aussehen. Das habe ich exzessiv betrieben: Ich kann jetzt alle möglichen modernen Waffen in Nullkommanichts auseinandernehmen und wieder zusammenbauen.

teleschau: Dann überrascht es nicht, dass diese Rolle die wohl dialogärmste Ihrer ganzen Karriere ist. War das in Ihrem Sinne?

Kretschmann: Alle wollen ja immer Hamlet oder andere Shakespeare-Sachen spielen; doch mein Traum ist es, eine Hauptrolle zu spielen, in der ich keinen Mucks von mir gebe. Ich finde, Sprache ist die Grundlage aller Missverständnisse. Ich bin jemand, der sich seine Texte zusammenstreicht, auch diesmal: Ich bin immer dafür, mehr zu spielen und weniger zu reden. Ein guter Regisseur ist immer dafür, lieber etwas zu spielen als es mit Worten zu umschreiben. Ein Film ist ja kein Hörspiel.

teleschau: Ihr deutscher Akzent ist kaum noch hörbar: Schlägt sich das in Rollenangeboten nieder?

Kretschmann: Glauben Sie mir: Ich werde nie einen amerikanischen Westernhelden spielen können. Ich habe mich auch Jahre lang mit den Amis schwergetan, weil ich nie einen Crash-Kurs machen wollte, mit dem ich mir ein halbes Jahr lang den amerikanischen Akzent einprügle. Dabei hat der viel mehr mit Attitüden zu tun. Man verändert sich dann und spielt auch anders. Das wollte ich gar nicht. Ich bin ein Nischenschauspieler geworden, jemand der den Regisseuren sofort einfällt, wenn sie bestimmte Rollen besetzen müssen. Die typischen amerikanischen Rollen werden es nie werden, und das ist auch gut so, weil ich mir auf diese Weise die Vielfalt der Charakterauswahl erhalten kann.

teleschau: Dann haben Sie sicherlich einen guten Agenten.

Kretschmann: Ich habe meinen Agenten vor eineinhalb Jahren gefeuert, weil der zu viel versiebt hat. Seitdem habe ich nonstop gearbeitet. Wieso also einen neuen suchen? Ich habe ja noch ein Management, das weiß, wo es mich findet. Aber im Moment ist es toll, weil die an mich so oft herantreten, dass im letzten Jahr fünf Filme mit mir entstanden sind. Viel mehr kann man ja nicht machen. Klassisch vorgesprochen habe ich aber seit Jahren nicht mehr. Ich bin sowieso der schlechteste Casting-Bewerber überhaupt.

teleschau: Wie viel Zeit bleibt bei so viel Arbeit für das Privatleben?

Kretschmann: Trotz der fünf Projekte hatte ich noch vier Monate frei, in denen ich daheim war. Ansonsten gilt für mich: Ich lebe ja auch noch, während ich drehe. Ich fahre genauso gerne in den Urlaub wie ans Set. Für mich bedeutet diese Arbeit mehr Spaß als Pflicht. Bei Produktionen wie 'Wanted' ist es auch möglich, die Kinder mit zu den Dreharbeiten zu bringen. Sie waren zwei Monate mit in Prag dabei. Die sind dann mit den Kindern von Angelina und Brad spielen gegangen.

teleschau: Woran haben Sie sich in all Ihren Jahren in den USA noch nicht gewöhnen können?

Kretschmann: Es gibt einige Sachen, die mir in den USA Angst machen, zum Beispiel die Macht, die der Staat besitzt. Es macht einen riesigen Unterschied, von einer Polizeikontrolle hier in Deutschland angehalten zu werden oder in Amerika. Als Bürger ist man in einer solchen Situation völlig machtlos. Auch diese generelle Volksblödheit in den USA macht mir ein bisschen Angst: Wenn man sich in Deutschland die Nachrichten anschaut, erfährt man etwas über die Welt, in Amerika dagegen aber etwas darüber, wer in den umliegenden 20 Kilometern einen anderen umgefahren hat oder wer irgendwo Amok gelaufen ist. Im Prinzip wird dort immer nur der engste Umkreis als Nabel der Welt verstanden. Außerdem ist es in Deutschland viel lebendiger als in Los Angeles. Dort gehe ich so gut wie nie aus. Wenn ich mich in Berlin mit Leuten treffe, dann weiß ich nicht, wo ich am Ende des Abends versacke oder ob ich schon eine Stunde später im Bett bin. In L.A. aber muss alles vorher exakt durchgeplant sein.

teleschau: Etwas Positives muss es doch geben, dass Sie es in Los Angeles aushalten.

Kretschmann: Ich kann in L.A. sehr gut arbeiten, was mir ermöglicht hat, weltweit Engagements zu bekommen. Außerdem ist das Service-System perfekt ausgebaut, das Leben wird einem dort sehr einfach gemacht. Auch für meine Familie ist es sehr toll, die Kinder sind den ganzen Tag draußen. Sie sind an einer Privatschule. Ich bin auch sehr glücklich, dass ich das Privileg genieße, in der Schauspielergewerkschaft zu sein, durch die ich zum Beispiel die beste Krankenvorsorge der Welt für kaum ein Geld genieße: Für ein Zehntel dessen, was ich hier für meine private Krankenversicherung zahlen würde, habe ich dort meine ganze Familie versichert. Außerdem sorgen die dafür, dass mit mir beruflich kein Unfug geschieht. Alles, wofür man hier in Deutschland kämpfen muss, ist dort gewerkschaftlich vorgegeben.

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by fendi_jp2 | 2008-11-17 02:51 | articre