monstersandcritics.de. よりインタビュー

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TV Star Portrait
Thomas Kretschmann - 'Ich bin ein emotionaler Statistiker'
Von Eric Leimann
25. Okt 2008, 07:59







Wenn es um deutsches 'Eventfernsehen' geht, führt in diesem Herbst kein Weg an Thomas Kretschmann vorbei. Im aufwendigen ProSieben-Zweiteiler 'Der Seewolf' (Mo., 24., und Di., 25.11., 20.15 Uhr) spielt der deutsche Hollywood-Star ebenso die Hauptrolle wie im wenige Tage später ausgestrahlten ARD-Film 'Mogadischu' (So., 30.11., 20.15 Uhr), der die Entführung der Lufthansa-Maschine 'Landshut' 1977 thematisiert. Beide Rollen spielt der ehemalige DDR-Leistungsschwimmer mit derartiger Bravour, dass man sich fragt, warum man den kernigen Mimen in den letzten Jahren nicht viel öfter in wirklich hochwertigen deutschen Rollen bewundern konnte.

Dies könnte daran liegen, dass Thomas Kretschmann mit seiner russischen Lebensgefährtin Lena Rolin und den drei Kindern seit langer Zeit in Los Angeles lebt. In der Tat ist Kretschmann der einzige deutsche Schauspieler seiner Generation, der sich in Hollywood tatsächlich etabliert hat. 'Der Pianist' von Roman Polanski begründete die Überseekarriere des heute 46-Jährigen, Rollen in 'King Kong' oder aktuell 'Wanted' setzten sie fort. Über das Leben und Arbeiten in Hollywood sowie den einst von Raimund Harmstorf geprägten deutschen TV-Mythos 'Der Seewolf' spricht Kretschmann im Interview.

teleschau: 'Der Seewolf', ein Event-Zweiteiler bei ProSieben - da erwartet man eher Action und Abenteuer. Stattdessen ist es aber eher ein Kammerspiel auf See. Würden Sie dem zustimmen?

Thomas Kretschmann: Ja, das sehe ich genauso. Als mir die Neuverfilmung angeboten wurde, war ich erst mal überrascht, dass der Stoff heute noch Relevanz hat. Aus den Siebzigern ist 'Der Seewolf' mit Raimund Harmstorf eine meiner frühsten und intensivsten Fernseherinnerungen. Aber die Zeiten waren natürlich andere: Wir saßen in Baumhäusern und lasen Robinson Crusoe. Heute sitzen die Kids vor Computerspielen, und alles geht rasend schnell.

Für mich ist diese Neuverfilmung wie ein Roadmovie auf dem Wasser. Im Prinzip geht es um nichts anderes als die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das ist sicher kein plattes Actionfernsehen. Wir orientieren uns ziemlich nah am Roman von Jack London.

teleschau: Sie sind in der ehemaligen DDR groß geworden. Auch dort lief in den Siebzigern der berühmte ZDF-Vierteiler mit Raimund Harmstorf. Im Westen sind viele Männer, die heute um die 40 sind, von diesem Stoff TV-geprägt. War der Eindruck in der DDR ein ähnlich nachhaltiger?

Kretschmann: Ich kann nur für mich sprechen.

Die Bilder vom Kielholen, dem Koch und natürlich von Raimund Harmstorf haben sich bei mir tief eingeprägt. Ich habe kürzlich noch mal in die alte Verfilmung reingeschaut. Unglaublich, wie langsam die aus heutiger Sicht erscheint ...

teleschau: Und die in der Faust des 'Seewolfs' zerquetschte Kartoffel?

Kretschmann: Nein (lacht), die war nicht dabei, zumindest nicht bei meinen Bildern.

teleschau: Haben Sie sich die Frage gestellt, ob man diesem alten Stoff durch die Neuverfilmung einen wichtigen Aspekt hinzufügen kann?

Kretschmann: Nein, das sind keine Kategorien, in denen ich denke. Ich frage nicht nach neuen Aspekten.

Für mich muss das ganze Projekt stimmig sein, und das war es. Ich scheue keinerlei Vergleiche zu anderen Verfilmungen.

teleschau: Was interessiert sie am Charakter des 'Seewolfs'?

Kretschmann: Der Mann ist zunächst mal eine imposante Erscheinung im Buch. Entscheidend für die Geschichte ist die Auseinandersetzung zwischen Kapitän Larsen, dem 'Seewolf', und dem schiffbrüchigen Gentleman van Weyden. Sie haben völlig unterschiedliche Konzepte, was das Leben angeht. Larsen ist der Vertreter eines brutalst möglichen Darwinismus. Das Überlebensrecht hat für ihn nur der Stärkere. Van Weyden hingegen steht für die Zivilisation, gesellschaftliche Entwicklung, Humanität. Um diesen Gegensatz geht es im Buch und auch in unserer Verfilmung.

teleschau: Ist der 'Seewolf' nur ein vielschichtiger Bösewicht oder eher ein tragischer Held?

Kretschmann: Weder noch. Als Schauspieler schaue ich mir eine Figur mit meinem Instinkt an. Der versteht sie oder nicht. In dieser Hinsicht bin ich ziemlich simpel gestrickt. Ich möchte meine Figuren nicht theoretisch auseinander nehmen.

teleschau: Das ZDF arbeitet ebenfalls gerade an einer Neuverfilmung des 'Seewolfs' mit Sebastian Koch in der Hauptrolle. Ist das Revival des Stoffes Zufall oder existiert ein Zeitgeist, der den 'Seewolf' gerade heute wieder interessant macht?

Kretschmann: Keine Ahnung, da müssen Sie das ZDF fragen. Auffällig ist jedoch, dass immer wieder mehrere Filme zu einem Thema gleichzeitig auf den Markt kommen. Ich bin gerade an einem anderen Projekt beteiligt, dem es ähnlich ergeht. Im Kino läuft 'Baader Meinhof Komplex', und ich spiele im ARD-Film 'Mogadischu', in dem es um die Entführung der Lufthansa-Maschine 'Landshut' durch RAF-Sympathisanten geht. Auch in Hollywood passieren solche Dinge überzufällig oft. In unserem Falle war es so, dass 'Der Seewolf' von den Machern unseres Films dem ZDF angeboten wurde und die schließlich sagten: Wir machen unseren eigenen Film. Daran kann man dann nichts ändern. Für uns Schauspieler ist diese Situation natürlich nicht so dankbar.

teleschau: Von Ihnen stammt das Zitat, dass es für sie bisher - also vor 'Der Seewolf' und 'Mogadischu' - gar nicht so einfach war, in Deutschland gute Rollen zu bekommen. Ist der Zusatz 'Hollywoodstar' neben Ihrem Namen am Ende gar kein Vorteil für Sie, wenn es um die Arbeit hierzulande geht?

Kretschmann: Ich meinte damit eher, dass es nicht viele gute Rollen in Deutschland zu spielen gibt. Als Schauspieler agiere ich da ziemlich pragmatisch. Ich kann nur einige wenige Projekte in einem Jahr annehmen. Ich wähle also die Filme aus, die mir am interessantesten erscheinen. Dabei mache ich keinen Unterschied, ob es nun ein deutsches oder ein Hollywoodprojekt ist. Sollte nichts aus Deutschland dabei sein, finde ich das jedoch schade. Es bedeutet, dass ich über lange Zeit nicht in meiner Heimat drehen kann. Jetzt habe ich binnen kurzer Zeit drei Filme in Deutschland gedreht, darüber freue ich mich. Mal sehen, wie es weitergeht.

teleschau: Sie sind der einzige deutsche Schauspieler Ihrer Generation, der regelmäßig in Hollywood arbeitet. Wie haben Sie das geschafft?

Kretschmann: Vielleicht weil ich früher Langstreckenschwimmer war (lacht). In der DDR war ich auf der Sportschule und bin jeden Tag sehr viele Kilometer geschwommen. Dabei lernte ich, mir Nah- und Fernziele zu definieren. Ich weiß seit meiner Kindheit, dass ein Fernziel eben ein Fernziel ist. Dass es nicht von heute auf morgen kommt und man dafür einen langen Atem haben muss. Dennoch hätte das Ganze natürlich genauso gut schief gehen können.

teleschau: Der nackte Zufall machte Sie also zum Hollywood-Star?

Kretschmann: Ich bin jemand, der nichts erwartet, sondern der sieht, was geht. Bei mir war es kontrollierter Zufall und erarbeitetes Glück. Ich floh 1983 aus der DDR, nicht weil ich irgendwo hin, sondern einfach nur weg wollte. Ich glaube an Selbstverantwortung und wollte mir nicht von irgendwelchen Offiziellen diktieren lassen, wie ich mein Leben zu verbringen habe. Wenn man viel arbeitet und am Ball bleibt, haut ein Film irgendwann mal richtig rein. Du brauchst einen großen Film, eine gute Rolle, um auf den Schreibtischen der großen Hollywoodstudios zu landen. Bei mir war es 'Der Pianist'. Seitdem fragt mich dort auch keiner mehr, ob ich auch wirklich spielen kann.

teleschau: Aber inwiefern haben Sie sich den Erfolg erarbeitet? Nur durch viel spielen?

Kretschmann: Ich bin ein emotionaler Statistiker. Wenn ich 30 Filme in den USA drehe und dabei immer - wie ich hoffe - gute Arbeit abliefere, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einer dieser Filme Beachtung findet. Mache ich nur drei Filme, sinkt diese Wahrscheinlichkeit dramatisch. Mittlerweile bin ich froh, dass ich auch Rollen bekomme, für die man nicht unbedingt einen Deutschen besetzen müsste. So wie in 'King Kong' oder 'Wanted'.

teleschau: Gilt eigentlich noch das alte Hollywoodklischee, dass man als Deutscher vor allem die Rollen der Bösewichte angeboten bekommt?

Kretschmann: Man kann ja nur besetzt werden für Rollen, die man auch angenommen hat. Wenn man ein Klischee vermeiden will, muss man einige Rollen ablehnen und dafür andere annehmen. Ich habe mich immer bemüht, in sehr verschiedenen Filmen dabei zu sein. Außerdem versuche ich, immer besser zu werden. Vielleicht hat auch das mit meiner Prägung als Leistungssportler zu tun.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Kretschmann: Ich hatte schon immer ein wenig Sorge, dass es mir ergeht wie vielen meiner Lieblingsschauspieler oder auch Lieblingsbands. Am Anfang, wenn die Leute jung sind, liefern sie tolle Sachen ab, spielen großartige Musik. Später versackt das Ganze in gepflegter Langeweile. Eigentlich ist das doch unlogisch, denn es geht doch um Handwerk, bei dem man immer erfahrener, immer schlauer wird. Irgendwie hatte ich schon immer ein wenig Angst vor dieser Entwicklung. Deshalb tue ich alles, damit es mir nicht so geht.

teleschau: Vielleicht geht es bei diesem Phänomen um Biss. Darum, dass es für einen selbst interessant bleibt. Wodurch bewahren Sie sich Ihren Biss?

Kretschmann: Indem ich Spaß bei der Arbeit habe und mich nicht herumquäle. Mein Hobby ist der Dreh. Den größten Spaß habe ich daran, tollen Regisseuren über die Schulter zu schauen und zu erkunden, wie sie ticken. Ich bin emotional während des Drehs sehr beschäftigt damit, den gesamten Film entstehen zu lassen, auch über meine Rolle hinaus. Wenn ich nach Hause gehe, sind das Hobby, die Arbeit, der Ehrgeiz und der Spaß, einen Film zu machen, vorbei. Wenn der Film dann kommt, kontrolliere ich ihn einmal, indem ich ihn auf Fehler durchgucke. Danach ist alles vorbei, ad acta gelegt. Das ist meine Methode, und ich hoffe, dass ich mich in ihr entwickle.

teleschau: Kommen wir zu einem weiteren Klischee: Ist es in Hollywood härter, ist alles ein einziges Haifischbecken?

Kretschmann: Nein, das Filmemachen ist dort einfach ein großer Industriezweig. Das aber berührt meine Arbeit kaum und wenn, dann nur positiv. Als Schauspieler ist man in Hollywood nur dafür verantwortlich, dass man seinen Text kann, wenn man ans Set kommt. Dafür, dass man so gut ist, wie man eben sein kann. Alles andere wird einem abgenommen. Es ist ein sehr privilegierter Zustand für einen Schauspieler, in solchen Produktionen zu spielen. Als wir 'King Kong' drehten, war klar, dass ich für ein halbes Jahr zum Drehen ins Ausland muss. Dann kommt jemand vom Studio und fragt mich, was sie tun können, damit ich mein gesamtes Leben für diese Zeit an den Drehort transferieren kann. Es ist klar, dass die gesamte Familie mitkommen darf, dass wir dort etwas zum Wohnen bekommen, die Kinder zu Schule gehen und so weiter. Das alles hat vor allem mit Geld zu tun. Daran lässt sich auch der größte Unterschied zum Arbeiten in Deutschland festmachen. In Hollywood dauern die Drehs viel länger, alles ist viel aufwendiger und teurer.

teleschau: Hört sich nach einem sehr angenehmen Leben für Sie an?

Kretschmann: Sie haben Recht. Im Grunde genommen macht das Studiosystem dem Schauspieler das Leben sehr einfach. Das einzige Problem ist: Man muss einen solchen Film erst mal bekommen (lacht.).


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最後の一枚はThomas Kretschmann als Lufthansa-Kapitän Schumann im ARD-Drama 'Mogadischu'.
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by fendi_jp2 | 2008-11-17 03:22 | Der Seewolf